Grenzen setzen lernen – warum es so schwer ist (und wie Psychotherapie helfen kann)
- Theresa Reichmann
- 11. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Viele Menschen wissen theoretisch, dass es wichtig ist, Grenzen zu setzen.
Und trotzdem erleben sie im Alltag immer wieder, wie schwer es fällt, Nein zu sagen, sich abzugrenzen oder für die eigenen Bedürfnisse einzustehen.
Grenzen setzen zu lernen ist kein Zeichen von Härte oder Egoismus.
Im Gegenteil: Oft braucht es innere Sicherheit, Selbstwert und ein gutes Gespür für sich selbst, um überhaupt wahrnehmen zu können, wo eine Grenze notwendig wäre. Warum es so schwer ist, Grenzen zu setzen
Grenzen setzen fällt nicht deshalb schwer, weil Menschen „zu nett“ oder „zu schwach“ wären.
Häufig liegen die Gründe viel tiefer.
Viele haben früh gelernt:
dass Harmonie wichtiger ist als eigene Bedürfnisse
dass Nein sagen zu Konflikten, Schuldgefühlen oder Ablehnung führt
dass Anerkennung an Anpassung geknüpft ist
Gerade Frauen*, queere Menschen und Personen mit Care-Verantwortung erleben oft, dass Rücksichtnahme erwartet wird – manchmal unausgesprochen, manchmal ganz offen. In diesem Kontext fühlt sich Grenzen setzen schnell falsch oder gefährlich an.
Grenzen setzen zu lernen bedeutet deshalb nicht, sich etwas „anzutrainieren“, sondern alte innere Muster zu verstehen.
Woran man merkt, dass eigene Grenzen oft überschritten werden
Viele Menschen kommen nicht mit dem Wunsch, „Grenzen zu setzen zu lernen“, sondern mit anderen Beschwerden – zum Beispiel:
ständige Erschöpfung oder innere Anspannung
Schuldgefühle, wenn sie Nein sagen
das Gefühl, ausgenutzt oder nicht gesehen zu werden
Konflikte in Beziehungen oder im Beruf
innere Unruhe, obwohl im Außen alles „funktioniert“
Hinter diesen Erfahrungen steht häufig eine Unsicherheit darüber, wo die eigenen Grenzen verlaufen – und ob man ihnen vertrauen darf.
Nein sagen lernen – warum es sich oft falsch anfühlt
Nein sagen zu lernen ist ein zentraler Teil des Grenzen-Setzens.
Und genau hier tauchen oft starke innere Widerstände auf.
Ein Nein kann sich anfühlen wie:
Zurückweisung
Lieblosigkeit
Egoismus
Versagen
Grenzen setzen und Nein sagen ist Ja zu den eigenen Bedürfnissen sagen, zur eigenen Energie und zur eigenen Integrität.
Grenzen setzen ohne Schuldgefühle gelingt jedoch selten allein über Einsicht.
Dafür braucht es innere Sicherheit und Selbstwert – und manchmal auch Unterstützung.
Selbstwert und Grenzen hängen eng zusammen
Menschen mit einem stabilen Selbstwert müssen ihre Grenzen nicht ständig verteidigen.
Sie dürfen da sein. Wenn Selbstwert fragil ist, wird jede Grenze zu einer inneren Zerreißprobe:
Bin ich dann noch okay? Werde ich noch gemocht? Darf ich das?
Grenzen setzen zu lernen bedeutet deshalb auch:
sich selbst ernst zu nehmen
den eigenen Empfindungen zu vertrauen
innere Sicherheit aufzubauen
Nicht durch Kontrolle, sondern durch Beziehung – auch in der therapeutischen Arbeit.
Wie Psychotherapie beim Grenzen setzen unterstützen kann
In der Psychotherapie geht es nicht darum, „richtig Nein zu sagen“ oder Strategien auswendig zu lernen. Vielmehr entsteht ein Raum, in dem erforscht werden kann:
Wo übergehe ich mich selbst?
Welche Erfahrungen prägen mein Verhältnis zu Nähe und Abgrenzung?
Welche Ängste tauchen auf, wenn ich an Grenzen denke?
In einer feministischen Psychotherapie werden diese Fragen nicht nur individuell betrachtet, sondern auch im gesellschaftlichen Kontext. Machtverhältnisse, Rollenbilder und biografische Prägungen dürfen sichtbar werden – ohne Schuldzuweisung, ohne Bewertung.
Grenzen setzen zu lernen wird so zu einem Prozess, der mehr innere Freiheit, Klarheit und Selbstverbundenheit ermöglicht.
Grenzen setzen ist kein Egoismus
Grenzen sind keine Mauern. Sie sind Orientierung.
Wer lernt, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und ernst zu nehmen, erlebt oft:
mehr innere Ruhe
klarere Beziehungen
mehr Lebendigkeit und Lebensfreude
Grenzen setzen zu lernen ist kein Ziel, das man „erreicht“.
Es ist ein Weg, der sich mit jeder neuen Erfahrung weiterentwickelt.
Wenn Sie diese Themen ansprechen, kann es hilfreich sein, sie nicht allein zu tragen. Psychotherapie kann dabei unterstützen, innere Zusammenhänge zu verstehen und neue, stimmigere Wege im Umgang mit sich selbst und anderen zu finden.




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